Jan 2007
Du stellst dich in den Sturm und schreist
Juli – 29.01.2007 – Berlin, Columbiahalle

Manchmal geht man zu einem Konzert, weil man die Band seit Jahren liebt, manchmal kennt man ein oder zwei gute Lieder und möchte die Musik der Band beim Konzert gerne näher kennen lernen und manchmal trifft das alles nicht zu und man geht trotzdem zu einem Konzert. Mit einem Sternburg Export mache ich mich also auf den Weg zur Columbiahalle. Der Plan ist, bis zur perfekten Welle so betrunken zu sein, dass lautes Mitgrölen zum größten Spaß der Welt wird. Dieses Vorhaben wird später dank roter Armbändchen von netten Menschen ohne allzu große finanzielle Verluste in die Tat umgesetzt. Vor der Halle erwarten mich allerdings erst einmal zwei miteinander konkurrierende Pfandflaschensammler und Horden von durchschnittlich etwa 15 Jahre alten Mädchen, die mich daran erinnern wie spannend und aufregend es früher war mal zu einem Konzert zu gehen und von deren nervöser Aufregung ich mich sogar etwas anstecken lasse. Während ich später neben Vera am Mittag und vor einem Superstar von Deutschland sucht den Superstar stehe, der später als Nevio identifiziert wird, bin ich dann auch ganz aufgeregt.
Als ich reinkomme ist die Halle bereits voll und die Vorband spielt. „Wollt ihr mit uns zu den Sternen fliegen?“ bliebt mir in Erinnerung von einem Typen, der auf der Juli-Homepage durch Vergleichen mit Lenny Kravitz und AC/DC vorgestellt wird, aber eher wie eine Mischung aus Dick Brave und Xavier Naidoo klingt und wie Lukas Hilberg bzw. mit seiner Band wie Revolverheld aussieht. Zum Glück bin ich ja zu spät gekommen und muss Neil Hickethier nicht in voller Vorbandkonzertlänge ertragen. Gegen 21 Uhr geht dann das Licht wieder aus und Juli kommen auf die Bühne. Dieses Leben ist der erste Song. Schnellere wechseln sich mit ruhigeren Stücken ab und zwichendurch erklingen sogar einige ganz nette Indierocktakte, bei denen mein Bein beginnt sich im Rhythmus des Schlagzeugs zu bewegen. Eva erzählt hin und wieder kleine Geschichten, animiert die jubelnde Menge zwei Schritte nach links und danach zwei Schritte nach rechts zu gehen, fotografiert das Publikum und sieht ansonsten schon ganz gut aus. Die sexuelle Spannung ist am größten als sie einen übergroßen Luftballon über ihrem Kopf platzen lässt und das darin enthaltene silber glänzende Konfetti in ihre Haare und ihren Ausschnitt regnet. Mit mehreren solcher Luftballons darf das Publikum während eines Liedes in der gesamten Halle spielen. An gleicher Stelle hatte ich das mit den übergroßen Luftballons schon einmal ein paar Jahre vorher bei einem Konzert von Muse miterlebt und Marcel, der Schlagzeuger, gesteht mir im nachhinein sich die Idee genau da her geklaut zu haben. Ohne die perfekte Welle gespielt zu haben verabschieden sich die fünf zum ersten Mal um nach nur etwa einer Minute wieder auf der Bühne zu stehen. Dann muss ich mich allerdings nur noch zwei Songs gedulden bis zum absoluten Höhepunkt des Abends. Die perfekte Welle reißt mich mit und ich verliere fast meine Stimme. Vera am Mittag steht zu diesem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr neben mir. Dass Vera am Mittag schon vor der ersten Zugabe gehen musste, weil sie ja am Mittag schon wieder ran müsse, wird zum Satz des Abends gewählt. Zweifel daran, dass es ihre Sendung überhaupt noch gibt und sie daher wirklich am Mittag wieder arbeiten müsse und die Feststellung, dass ihr Nachname gar nicht am Mittag sondern Int-Veen ist, werden dabei für den Rest des Abends ignoriert und auch mein Ruf nach der Hitsingle Symphonie schafft es nicht mehr das Humorniveau noch weiter in den Himmel zu heben. Juli spielt dann sogar noch eine zweite Zugabe, irgendeine Ballade und so kann ich sogar noch ein Feuerzeug in die Höhe halten um danach artig und nett der Band zu applaudieren, die sich ebenso artig mit einer kollektiven Verbeugung endgültig von ihren Fans verabschiedet. Ein Schlagzeugstock fliegt noch in meine Richtung, aber fangen war noch nie meine Stärke und das ist dann nach geschätzten sieben Bier auch nicht anders. Ein schöner Abend neigt sich schließlich dem Ende mit der Erkenntnis, dass man auch bei einem Konzert von Juli eine Menge Spaß haben kann und dabei sogar noch recht früh wieder Zuhause ist.
Robert
plants