Tele - Wir brauchen nichts
Tele - Wir brauchen nichts
CD; VÖ: 23.02.2007; Vertigo Be (Universal)

Wenn ich ehrlichen Herzens sagen kann: "Diese Platte hat mich textlich so was von beeindruckt, abgeholt, mitgenommen, gedrückt, getröstet, aufgebaut, abstürzen lassen, Respekt eingeflößt, in mir so viel Bewunderung und Dankbarkeit augelöst", dann meine ich damit nur eine - die neue Tele. Ehrlich, seit Keimzeit, naja gut, seit Tom Liwa habe ich keine derartigen Momente mehr bei deutschsprachiger Musik gehabt. Das Vorgängeralbum "Wovon sollen wir leben" war quasi die Einladung zum Pop, aber Pop von Könnerhand und jetzt legen Francesco und die anderen Jungs noch eins, noch drei mal eins oben drauf. Der entscheidende Unterschied: sie können das, was sie da tun, so verdammt gut und sie können es verdammt gut verkaufen. Und es fühlt sich gar nicht komisch an, dass alles schick zu finden.
Okay, also mal ein Beispiel: Mario. Ich habe diese ganze Stefan Raab Geschichte nicht mitbekommen, aber ich kann mir die unterschiedlichen Kommentare gut vorstellen. Dabei muss man sich Mario nur mal als Video ansehen, und schon weiß man, dass Tele sich augenzwinkernd durch vermeintlich einfach gestrickte zuckersüße Popmelodien spielen, tänzeln, streicheln, charmeurisieren. Allesamt große Hymnen stecken auf dieser Platte und Francesco erzählt so leidenschaftlich von fernen Lieben, gesellschaftlicher Revolution und Traumfrauen und steckt das ganze so gekonnt in die oft bemäkelte harte deutsche Sprache, dass die Sommerlaune und der Herzschmerz und die Wut ganz von alleine aufkeimen und man denkt: "woher weiß der, wie es mir geht? woher weiß der, was ich gerade denke?" Vielleicht sogar:"woher kennt der meine Wünsche, Träume, Hoffnungen???!"
Der Einfluß der großen Afrikareise der Band bleibt, zumindest textlich und musikalisch verhalten, aber man kann auch in Berlin Abenteuer erleben und hej - zur Not sagt man, singt man halt "bye bye berlin", am besten mit Geldautomaten und den Vereinigten Staaten. Die kriegen auch ihr Fett weg, denn der erste, als auch der zweite Golfkrieg waren falsch genau wie die Tatsache, dass man sich seiner nicht mehr existenten Gefühle sicher sein kann... Tele sagen alles zum Thema Lebenszeit mit "Zeit ist schnell", sie fühlen kreiselnden Gedanken über Verflossene Lieben ein ums andere Mal mit und diagnostizieren mal aus dem Stand unserer Gesellschaft eine ziemlich ernsthafte Krankheit. Wer sagt´s besser, wer treffender und zugleich doch noch sympathischer, erfahrener, augenzwinkernder und mitfühlender?
Hmm, jetzt wollte ich eigentlich gar nicht so sehr Tele gegen irgendwas verteidigen - einfach nur mal sagen, dass man sich diese Platte unbedingt mal anhören sollte. Und dann, ja dann kann man ja immer noch den harten Mann spielen...
AML
plants